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Dirk Barthel: „Seine Haut zu Markte tragen“

Dirk Barthel: „Anfangs wurde ich belächelt.“Foto: PR Dirk Barthel: „Anfangs wurde ich belächelt.“Foto: PR

Greudnitz, 9. 3. 2018.  Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Dirk Barthel vom Biohof Barthel in Greudnitz, warum er ein „Bauer mit Gesicht“ ist.

SWB: Vor wenigen Wochen wurden Sie in Nürnberg mit dem „regional & fair-Preis“ des Biokreis e.V. – Verband für ökologischen Landbau und gesunde Ernährung ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen die Ehrung, und sehen Sie sich auf Ihrem eingeschlagenen Weg bestätigt?
Dirk Barthel: Ich empfand die Auszeichnung als ein Dankeschön und auch als Bestätigung, meinen am 1. Juli 2008 gegründeten Biohof so wie bisher fortzuführen. In den letzten zehn Jahren habe ich mir kaum Urlaub gegönnt und jeden Cent in den Betrieb gesteckt. 

Wie steinig war der zurückliegende Weg?
Fragen Sie nicht. Mein Ziel war es, eine Vermarktungsorganisation  für Bio-Produkte in der Region aufzubauen. Aber ich habe die lokalen Bauern nicht für meine Idee begeistern können und sie nicht unter einen Hut bekommen, weil es viele Vorbehalte gab. Ich musste anerkennen, dass jeder seinen eigenen Weg geht und ich den meinen. Einer allein ist nichts – schon gar nicht in meiner Branche.

Wie wird man Bio-Bauer?
Ich bin kein gelernter Landwirt, war Elektriker und Tiefbauer. Mein Vater begann nach der Wende, Landwirtschaft zu betreiben, und ich stieg im Jahr 2001 mit ein. Irgendwann stand die Frage, ob ich hauptberuflich Bio-Bauer werden möchte. Es gab ja kaum Strukturen für Bio im Osten Deutschlands. Ich habe aus dem Nichts mit der Waldfleischerei Michael Galla eine Hausschlachtung und Vermarktung für Fleisch- und Wurstwaren aufgebaut.

In der Laudatio bei der Feierstunde wurden Sie als „echter Pionier im Osten“ bezeichnet. Fühlen Sie sich als jemand, der Neuland betritt?
Ich musste meinen Platz erst finden und durfte den Glauben nicht verlieren. Anfangs hatte ich fünf Hektar Boden, drei Kühe, einen alten Pflug, einen Traktor und eine Sämaschine zur Verfügung: Ich habe quasi bei null begonnen und alles von der Pike auf gelernt. Im Laufe der Jahre wuchs das Vertrauen meiner Kunden parallel zur Größe des Betriebes. Im Jahr 2004 schlachteten wir unseren ersten Bullen und vermarkteten das Fleisch, 2017 waren es bereits 30 von uns aufgezogene Rinder.  

Welche Vorbehalte gab es?
Im Dorf wurde ich regelrecht ausgelacht, denunziert und boykottiert. Frei nach dem Motto: Der mit seinem teuren Bio-Fleisch hält nicht lange durch. Es bedurfte viel Überzeugungsarbeit, ehe die Nachfrage stieg. Und ich musste regelrecht meine Haut zu Markte tragen.

Ist Ihr Erfolg auch eine Genugtuung für Sie?
Es ist der Beweis für mich, dass man sich nicht beirren lassen und seinen Weg gehen sollte. Laut lachen tun nur die Unwissenden.

Das Geschäft mit dem Bio-Siegel boomt: Ist überall Bio drin, wo Bio draufsteht?
Ja, die Kontrollen sind sehr streng. Unsere Branche kann es sich nicht leisten, Dinge als Bio zu deklarieren, welche die strengen Vorgaben nicht erfüllen. Leider beobachte ich in letzter Zeit, dass vieles kommerzieller und wirtschaftlicher geworden ist. Unsere Branche muss höllisch aufpassen.

Was machen Sie als Bio-Bauer anders als konventionelle Landwirte?
Das wäre ein abendfüllendes Programm. Kurz gesagt: Bio-Bauern setzen auf eine andere Produktionsweise ohne chemische Zusätze und Pestizide, bedienen andere Wirtschaftskreise und halten die Fruchtfolge ein. Der Boden ist unser Produktionsmittel, mit ihm leben wir. Und unsere Tierhaltung unterscheidet sich von der konventionellen.

Der Konsument entscheidet an der Supermarktkasse, möchte Lebensmittel preiswert und zu jeder Zeit. Muss ein Umdenken einsetzen?
Ein Umdenken hat bereits eingesetzt: Viele Konsumenten essen und trinken bewusster, schauen nicht nur auf den Preis. Es ist ein Generationenproblem. Ich betreibe Marktforschung in Leipzig, schaue, was in den Einkaufskörben landet und welche Altersklasse was kauft. Sicherlich gibt es ältere Leute, die sich Bio leisten können und wollen, weil sie etwas für ihre Gesundheit tun. Die junge Generation mit Kindern ist viel mehr an gesunden Lebensmitteln und Nachhaltigkeit interessiert. Zurzeit bedeutet Landwirtschaft pure Ausbeutung, ist auf Export und Masse getrimmt. Für mich ist die Frage: Warum gibt es bisher keine Zusammenarbeit zwischen Bauernverband und Bio-Bauern?  

Zurzeit sorgen das Bienen- und Insektensterben, die  Rückkehr des Wolfs und das Thema Glyphosat für Schlagzeilen. Steht die Landwirtschaft vor einem Scherbenhaufen?
Die Beantwortung der Frage würde den Rahmen sprengen. Noch ist es nicht zu spät, etwas zu ändern. Nur so viel: Der Anbau von Bienenweiden schreitet voran. Wolf und Landwirtschaft vertragen sich nicht. Ich warne davor, den Wolf heiligzusprechen. Glyphosat ist ein existenzielles Thema, weil für uns der Bio-Status auf dem Spiel steht. Im Bereich Trossin und Dommitzsch sind wir auf einem guten Weg. Alle Entscheidungsträger sollten bei diesem Thema aufwachen und sich Gedanken machen.

Wenn Sie einmal den Blick in die Glaskugel wagen: Was sehen Sie?
Die Landwirtschaft wird sich in den nächsten Jahren grundlegend ändern. Viele Leute werden es sich nicht gefallen lassen, dass ihr Grundwasser verseucht wird. Und die Bio-Branche wird wachsen: Wir haben bewiesen, dass wir Deutschland ohne Exporte biomäßig ernähren könnten.

Wie steht es um einen Nachfolger für Ihren Biohof?
in zehn bis zwölf Jahren werde ich die Reißleine ziehen, möchte meine Erfahrungen weitergeben. Mein Nachfolger sollte den Willen aufbringen, um Tag für Tag das Vertrauen unserer Kunden zu rechtfertigen. Und sich bewusst sein, dass man an den Wochenenden den Kühen nicht nur die Bauernzeitung vorliest.

Gespräch: H. Landschreiber